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View Full Version : Germaniyening dangliq geziti "Die Zeit" ta Uyghurlar heqiqide maqale



Karawan
16-01-09, 03:49
Guantánamo
Was vom Traum blieb

Von Carolin Emcke | © DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
Unschuldig saßen vier Uiguren jahrelang in Guantánamo. Keiner wollte sie danach aufnehmen – außer Albanien

Manchmal erzählt die Stille eine Geschichte. Die Art und Weise, wie sie plötzlich einbricht, wie das Gespräch versiegt, wie die vier Männer verstummen, als verstünden sie die Frage nicht. Als könnten sie sich nicht erinnern. Sie versuchen dann die Sprachlosigkeit zu überbrücken, sie nippen am grünen Tee, der mehr wärmt als schmeckt, sie drehen eine der verschrumpelten albanischen Orangen in ihren Händen oder hantieren an dem Gasofen, der die Kälte in der leeren Wohnung nicht vertreiben kann.
Guantánamo? Die Geschichte ihrer Zeit in Guantánamo wollen sie nicht erzählen. Wann immer sie sich dem Ort nähern, der zum Synonym für Folter und Rechtlosigkeit geworden ist, weichen Ahmet, Ayoob, Akhabar und Abubakker aus. Sie meiden Gespräche über die Zeit der Gefangenschaft, als ob sie sich ihres Leidens dort zu schämen hätten. Als ob sich nicht diejenigen schämen müssten, die ihnen das angetan haben.
Sie sind unschuldig. Das haben ihnen die Amerikaner bestätigt. Sonst wären sie nicht hier, in dieser ungeheizten Wohnung in Albanien. Viereinhalb Jahre lang haben sie in Guantánamo gesessen, unschuldig, in jedem Verhör haben sie das betont, und sich gefragt, wieso ihnen nach Monaten geglaubt wurde und sie dennoch nicht frei kamen. »Wir suchen ein Land, das euch aufnimmt«, wurde ihnen gesagt. Die Amerikaner gingen davon aus, dass die Uiguren gefährdet wären, wenn sie nach China zurückkehrten. Einen Staat nach dem anderen hatten sie erfolglos angefragt, ob sie die Uiguren aufnehmen könnten. Doch wer staatenlos ist, so erfuhren die Uiguren, ist schutzlos, wem kein Land Rechte garantiert, der verfügt über keine Rechte.
Guantánamo? Wer dort inhaftiert gewesen ist, musste schuldig sein. Warum sonst wären sie dort gewesen. Drei Jahre vergingen auf der Suche nach einem Land, das den Amerikanern glaubte, dass sie unschuldig seien – dann nahm Albanien sie auf. Sie hatten erst »Albania« gehört und »Alemania« gedacht. Deutschland, da wollten sie gerne hin. Als der Irrtum sich aufklärte, waren sie entsetzt. Albanien, da wollten sie nicht hin. Dann wurde ihnen erklärt, dass sie hier eine Chance hätten. Nur hier.
Da sitzen sie nun, Ahmet, Akhabar, Ayoob und Abubakker, und wollen über Guantánamo nicht sprechen. Nun, da sie frei sind, nun, da ihre Unschuld bestätigt wurde, fühlen sie sich schuldig. Nicht weil sie etwas getan hätten, sondern weil sie frei sind und siebzehn weitere uigurische Gefangene nicht.
Viereinhalb Jahre lang waren sie eingesperrt ohne offizielle Anklage, ohne Prozess, zehn Monate davon in einem Käfig von 1,70 mal 2,20 Meter, sie wurden gefesselt und geknebelt, geschlagen und belästigt, und nun, da sie frei sind, fragen sie, warum es sie getroffen hat und ihre Leidensgenossen nicht. Und dann erzählen sie. Nicht, um die Amerikaner zu belasten, sondern um die Uiguren, die noch in Guantánamo inhaftiert sind, zu entlasten.
TEIL 2
Wie sie aufgebrochen sind, damals, als sie noch in China lebten, jeder für sich, Ahmet, Ayoob, Abubakker und Akhabar, die sich damals noch nicht kannten: Diese Geschichte können sie erzählen, ohne zu stocken. Damals hatten sie noch Namen und keine Nummern. China konnte die muslimische Minderheit in der Gegend, welche die Uighuren Ostturkistan nennen, zu jener Zeit verfolgen, ohne dass sich jemanden im Westen darum geschert hätte. Die Gefangenen von später waren damals noch Individuen, jeder mit einem Traum vom Glück, diesem pursuit of happiness, dem Grundsatz, der Amerikanern so wertvoll ist, dass sie ihn in der Verfassung verewigt haben.
Sie hatten Bilder gesehen von einem besseren Leben, sie hatten Geschichten gehört, über Kasachstan, über die Türkei, wo Uiguren willkommen wären, über die USA, wo es Demokratie und Menschenrechte gäbe. Sie wollten nicht einfach auf das Glück warten, sondern ihm entgegengehen.
Nun sitzen sie in der düsteren Wohnung in Tirana, die ihnen die Regierung von Albanien nach zwei Jahren in einem abgeriegelten Flüchtlingslager zugewiesen hat. Über dem Sofa hängt ein Bild von einer Idylle mit Haus am See, gegenüber ein blauer Plastikspiegel und ein albanischer Kalender, das ist alles, was ihnen vom Traum geblieben ist. Das ist sehr viel mehr als das, wovon sie in den Käfigen in Guantánamo zu träumen wagten.
Sie wollten sich von Widrigkeiten nicht abhalten lassen. Als Ahmet in Kasachstan erfuhr, dass die Reise nach Europa 8000 Dollar kosten würde, reiste er weiter, als Abubakker in Kirgistan hörte, dass der Handel dort nicht erfolgreich sein würde, reiste er weiter, so schnell wollten sie nicht aufgeben.
Und so landeten sie im Herbst 2001 in Afghanistan, in einem Dorf in der Nähe von Jalalabad. Von bin Laden hatte nur Ayoob gehört, im chinesischen Radio, da wurde gemeldet, dass bin Laden »ein Zauberer sei, der mit magischen Kräften den Amerikanern entkäme«, von den Anschlägen vom 11. September erfuhren sie Tage später.
TEIL 3
»Ich dachte, sie hätten mich zum Abort gebracht. Es war meine Zelle«
Das ist zumindest ihre Version der Geschichte, sie können sie lachend erzählen, können Witze machen über ihre Naivität von damals, diesen Teil der Odyssee. Über ihre Flucht aus Afghanistan. Über ihre Ankunft in Pakistan, wo die Menschen sie eingeladen hätten, zu einem köstlichen Abendessen, um sie dann der Polizei zu übergeben. Sie fühlten sich so unschuldig, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnten, wessen man sie beschuldigen könnte. »Wir waren froh, dass wir den Amerikanern übergeben wurden«, sagt Akhabar, »wir dachten, wir seien bei Gegnern Chinas, wir dachten, sie würden uns sofort freilassen.«
Warum sie trotzdem nach Guantánamo verbracht wurden? »Ich konnte meine Geschichte gar nicht erzählen«, sagt Ahmet, »in dem einzigen Verhör in Kandahar, das ich hatte, bevor ich ins Flugzeug nach Guantánamo gebracht wurde, gab es nur einen Übersetzer für Persisch. Ich spreche aber kein Persisch. Niemand konnte Usbek übersetzen.«
Und so landeten sie, die ausgezogen waren mit dem amerikanischen Traum vom Glück, in den Käfigen von Camp 3 auf Guantánamo. »Am ersten Tag dachte ich, sie hätten mich nur zum Abort gebracht«, erzählt Ayoob, der 17 Jahre alt war, als er verschleppt wurde, »ich dachte, sie bringen mich gleich in meine richtige Zelle. Aber dann bekam ich das Essen in dem Loch und wusste, dass dies die Unterkunft sein sollte.«
Zum Überleben haben sie unterschiedliche Strategien entwickelt. Abubakker hat Arabisch gelernt. Von dem Jemeniten im Käfig nebenan. Seine Brille hatten die amerikanischen Soldaten ihm schon in Kandahar abgenommen. Weiter als zwei Käfige nach rechts und nach links konnte er nichts erkennen. Fünf Worte hat ihm sein jemenitischer Freund anfangs auf Arabisch beigebracht. Warum nur fünf? In solchen Situation lernt man eine Sprache nur, indem man auf Dinge zeigt und ihren Namen nennt. »Da gab es nur wenige Gegenstände in Camp 3. »Stahl«, »Matratze«, »Handtuch…« Andere haben gesungen, alte Weisen aus der Heimat. »Das Wichtigste war«, erzählt Abubakker, »nicht verrückt zu werden.« Einen Monat lang hatte er neben dem Käfig der Irren zugebracht. »Sie schrieen und tanzten nachts, nackt, die waren wahnsinnig geworden. Das war das Schrecklichste.«
»Wenn wir könnten, würden wir morgen in die USA gehen«
TEIL 4
Sie möchten sie vergessen, diese Zeit, diese viereinhalb Jahre aus ihrem Leben. »Wir haben ein ganzes Leben gelebt. Guantánamo ist nur ein Ausschnitt daraus«, sagt Abubakker, »wir müssen jetzt ein neues Leben angehen.« Er meint das ernst. Er hat wie alle anderen auch Albanisch gelernt. Er hat eine Ausbildung gemacht. Zum Pizzabäcker. Er und Ahmet könnten jetzt den Teig bereiten, wenn denn jemand in Tirana zwei Menschen einen Job geben würde, die in Guantánamo inhaftiert waren. Bei jedem Satz, den die Uiguren sagen, bei jedem Satz, den sie nicht sagen, wird deutlich, dass Guantánamo sie nicht loslässt. Noch immer sind sie staatenlos. Noch immer haben sie nur ein vorübergehendes Dokument, das ihnen einen zweijährigen Aufenthalt in Albanien garantiert. Noch immer dürfen ihre Familien nicht zu ihnen. Seine Zwillinge kennt Abubakker nur vom Foto. Noch immer haben sie keine Arbeit. »Die Menschen assoziieren das Wort mit Terror, und damit wollen sie nichts tun haben«, sagt Ayoob, »wir auch nicht.« Dass sie selbst Opfer sind und nicht Täter, wie sollten sie das erklären? Das wäre eine lange Geschichte, die zu grausam ist, als dass sie jemand hören möchte, zu schmerzlich, als dass sie sie erinnern wollten.
Sie wünschen Obama alles Gute. »Das wird eine schwere Aufgabe«, sagt Ahmet ohne Ironie. Sie glauben ihn noch immer, den amerikanischen Traum, sie sind misshandelt und verschleppt worden, doch wollen sie ihren Glauben an die Vereinigten Staaten und seine Werte nicht aufgeben. »Das waren ja nicht die Amerikaner, die uns das angetan haben. Das war George W. Bush.« Sie wünschen ihren inhaftierten Freunden in Guantánamo, dass die neue Regierung in den USA sich an die eigenen Werte erinnert.
Ob sie denn nach allem, was geschehen ist, noch in die USA wollten: »Ja, natürlich. Wir würden morgen gehen, wenn sie uns aufnähmen.«
Abends, als sie über Tiranas Prachtstraßen schlendern, stehen sie auf einmal vor einem Jahrmarkt. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von den Karussells und der Geisterbahn. Vorn prangt der Hard Rock Ranger, eine rotierende Schiffsschaukel. »Da will ich rein«, Ayoob grinst die anderen drei an. Abubakker lässt sich erweichen. Er weiß, dass Guantánamo Ayoob seine unbeschwerte Vergangenheit genommen hat. Also steigt er ein, in diesen gelben Käfig, der sich über ihm schließt, zwängt sich zwischen die Bügel, die über seinen Schultern geschlossen werden, damit er nicht rausfällt.
Der italienische Betreiber des Hard Rock Rangers ruft immer nur diesen einen Satz in die Nacht hinein, »È fantastico!«, es ist fantastisch, und irgendwie hat er recht, dass ausgerechnet diese Uiguren, die vom Westen nur Unrecht erfahren haben, uns beschämen in ihrem Glauben an den Traum vom Glück, das zu suchen sie aufgebrochen waren und das sie annehmen, so klein es auch sein mag.

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17-01-09, 13:04
Germancha bilidighan birer kishi bu maqalini Uyghurchigha terjime qilip qoyghan bolsa yaxshi bolatti.
rehmet